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Peter Voß fragt Josef H. Reichholf       (Quelle: 3Sat - mediathek)

Naturschutz - Top oder Flop?

Die Natur, also das, "was nicht vom Menschen geschaffen wurde", ist in Deutschland nicht existent. Die Landschaft um uns herum, die wir als Natur betrachten, ist eine Kulturlandschaft. Schützenswert ist sie allemal, doch stillstehen wird sie niemals - sie wandelt sich - oft nicht zu Guten. Der Naturschutz habe versagt und gehe von falschen Voraussetzungen aus, sagt der Biologe Josef Reichholf, und macht sich damit sehr unbeliebt.

Link: "Die
Landwirtschaft ist vom Umweltschutz weitestgehend ausgenommen", sagt der
Ökologe Josef H. Reichholf.
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Sie die ganze Sendung (45 Min.)

                       

Josef H. Reichholf

"Einer der Renommiertesten" oder "einer der Profiliertesten" heißt es immer, wenn es um den Biologen Josef Reichholf geht. Das heißt übersetzt: Fachlich kann ihm kaum einer das Wasser reichen. Seit früher Kindheit beschäftigt er sich mit Artenvielfalt und Naturschutz - aber er ist kein Freund der herrschenden Meinung.

Was den Ökologen Reichholf am heutigen Naturschutz stört? Der Naturschutz sei romantisiert, und die dringenden Probleme würden nicht erkannt und nicht angegangen. So zum Beispiel werde der Artenschwund durch Klimaerwärmung als Problem sehr hoch gehängt, spiele in der Realität aber keine Rolle. Die Landwirtschaft sei der Großvernichter der gefährdeten Arten und unterliege oft nicht einmal dem Naturschutzgesetz. So sei es nicht verwunderlich, dass sich in der Stadt mehr Tiere und Pflanzen tummeln, als in der "Natur". à Bsp. Angemerkt … w.wohn: Zaunkönig = 6g schwer, lebt bei +50 und -40 Grad Celsius, sowohl im Hochland als auch an der Küste …

 

Naturschutz opfert manche Tiere und Pflanzen  

Raps wird gespritzt: Insektizide töten meist Nützlinge wie Schädlinge.

Die großen landwirtschaftlichen Flächen stellen in der Tat biologische Wüsten dar. Keine Artenvielfalt, keine Tiere, keine Bodenlebewesen und Insekten - nur Raps oder Mais. Viele Pflanzen und Tiere haben sich auf magere Böden spezialisiert. Sie werden von Nährstoff liebenden Arten großflächig verdrängt. "Der Stickstoff", sagt Reichholf und meint den Dünger, "wurde zum 'Erstick-Stoff' für die Artenvielfalt." Auch Gift werde in rauen Mengen eingesetzt, um Kornblume und Käfer zu dezimieren. Das EU-Agrarsystem müsse geändert werden - es muss sich lohnen, etwas für den Artenschutz zu tun.

Schlimmer sei, so Reichholf, dass der Naturschutz selber Opfer unter den Arten produziere: Ein Kahlschlag in einem Waldgebiet werde durch den Naturschutz unterbunden. Das sei aber falsch. Nur wo das Blätterdach aufgebrochen werde, dort ist Platz für Blumen, Insekten, wärmeliebende Schlangen, Nager, Vögel. Die Vielfalt sei größer als im Wald. Landwirtschaft und Forstwirtschaft seien für 90 Prozent aller Rückgänge von Pflanzen und Tieren verantwortlich - nicht die üblichen Verdächtigen Industrie, Straßen- und Siedlungsbau.

 

Kein natürlicher Zustand ist von Dauer  

Mähdrescher töten seltene bodenbrütende Vögel wie den "Großen Brachvogel".

Die Klimaerwärmung streitet Reichholf zwar nicht ab, aber für uns in Deutschland und für viele Arten sei das kein größeres Problem. Die Welt um uns herum verändere sich - mit und ohne unser Dazutun. Naturräume könnten nicht erstarren, sie unterlägen permanentem Wandel. Das treffe auch aufs Klima zu. Es gebe keinen natürlichen Zustand von Dauer, keine vorgegebene Temperatur. Veränderungen seien oft ein Quell für Artenreichtum. Und tatsächlich: Schwierige oder abwechslungsreiche Lebensräume bringen oft spezialisierte Pflanzen hervor.

 

Naturschutz jenseits der Verbotsschilder  

So sehen die Wüsten in Deutschland aus.

Eine solche Meinung verstört zuweilen auch Naturliebhaber. Auch Reichholfs Standpunkt, dass Bestimmungen, die einen Naturliebhaber einschränken, quatsch sind. Dass man geschützte Schmetterlinge nicht einfangen dürfe, falle gegenüber der Massenvernichtung von Insekten in der herkömmlichen Landwirtschaft nicht ins Gewicht. Jedes Kind solle mal versuchen, ein paar Kaulquappen großzuziehen. Dass diese nach einigen Tagen tot im Glas rumliegen, fällt mengenmäßig nicht ins Gewicht. Fungizide killen bei unsachgemäßer Anwendungen jedes Leben in ganzen Gewässern. Generell prangert Reichholf an, dass der Mensch durch den Naturschutz vom Umgang mit Tieren und Pflanzen ferngehalten werde. Es sei zum Beispiel verboten, bestimmte in der Mauser abgeworfene Federn zu sammeln. Nur Jäger und Angler dürfen mit einem althergebrachten Recht in das Umfeld eingreifen – das sei falsch. Menschen, die sich an Blumen oder Vögeln erfreuen, hätten ein mindestens gleichrangiges Recht, Naturschutzgebiete abseits der Wege zu betreten.

 

Vita:

Prof. Dr. Josef Reichholf gilt als einer der renommiertesten und profiliertesten Biologen Deutschlands. Seit seiner Kindheit interessiert er sich für die Natur. Er hat Biologie, Chemie, Geografie und Tropenmedizin studiert, lebte ein Jahr als Forschungsstipendiat in Brasilien. 1974 wurde Josef Reichholf Wissenschaftler an der Zoologischen Staatssammlung in München, 1985 folgte eine Lehrtätigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität (Zoogeografie, Ornithologie, Evolutionsbiologie).

Bisher hat er rund 30 Bücher veröffentlicht, insbesondere greift er darin die Themen der Evolutionsbiologie und der Ökologie auf. Er vertritt die These, dass sich Natur und Ökosystem in stetem Wandel befinden und es deshalb keine "besten" oder einzig richtigen Zustände gibt, und er prangert die Landwirtschaft als "Artenkiller" an (Überdüngung, Flurbereinigung etc.). Josef Reichholf ist Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland und Generalsektretär der Ornithologischen Gesellschaft Bayern.